20 Jahre nach dem Verbot: Ein Jubiläum, das niemanden interessiert

Am 1. März 2005 wurde Absinthe nach 95 Jahren Verbot in der Schweiz wieder legalisiert. Doch im Val-de-Travers, wo die sagenumwobene Spirituose ihren Ursprung hat, löst das Jubiläum kaum mehr als ein Schulterzucken aus. Keine Kommunikation, keine Events, keine Sonderabfüllungen. Statt dass die rund 35 Brennerinnen und Brenner des Tals sich gemeinsam für die identitätsstiftende Fée Verte einsetzen, schwelt seit nun zwanzig Jahren ein unversöhnlicher Grabenkampf zwischen zwei Lagern. Was ist da los im Wilden Westen der Schweiz?
Text und Bild: Kaspar Keller
Keine Schweizer Spirituose hat eine ähnlich bewegte Geschichte hinter sich wie Absinthe. Erfunden im 18. Jahrhundert im Neuenburger Jura verbreitete sich die Fée Verte im 19. Jahrhundert im Gepäck von französischen Soldaten und Kolonisatoren auf der ganzen Welt. Schliesslich war es die Reblaus, die im europäischen Weinbau eine Spur der Verwüstung hinterliess, die der Fée Verte zum Durchbruch verhalf. Absinthe wurde zum Getränk der Bohème. Ein Getränk, das auch von Frauen in den Bistros der Städte getrunken wurde.
So geliebt Absinthe von einigen auch war, so verhasst war die Spirituose von anderen. Abstinenzler sahen im Absinthe-Konsum die schlimmsten Folgen des Alkoholismus. Für Brauereien und Winzer war die Fée Verte eine unliebsame Konkurrenz. Die Wissenschaft entdeckte um das Jahr 1900 das Nervengift Thujon, das zwar im Wermutkraut durchaus existent, in Absinthe jedoch in einer unbedenklichen Konzentration vorhanden ist. Religiöse sahen in Absinthe den Verfall der Moral. Gleichzeitig galt der Kampf gegen Absinthe als progressiv und wurde auch von der Frauenbewegung getragen. Alkoholismus war ein grosses Problem und Frauen litten besonders unter ihren gewalttätigen, alkoholsüchtigen Ehemännern. Mit knapp 16 Litern reiner Alkohol war der jährliche Pro-Kopf-Konsum vor 125 Jahren doppelt so hoch wie heute.

Im Jahr 1908 stimmte die Schweizer Stimmbevölkerung an der Urne für ein Absinthe-Verbot, nur in den Kantonen Neuenburg und Genf fand das Anliegen keine Mehrheit. Zwei Jahre später trat das Verbot in der Schweiz in Kraft und auch in anderen Ländern wurde die Fée Verte verboten. Doch wie auch in den USA die Prohibition zum scheitern verurteilt war – zwischen 1920 und 1933 war dort jeglicher Alkohol verboten – bedeutete auch das Absinthe-Verbot keineswegs das Ende der Wermut-Spirituose. Vielmehr läutete die Clandestinité eine neue Ära ein.
Résistance gegen den Staat
In Frankreich umging man das Absinthe-Verbot primär durch die Kreation einer neuen Spirituose. Für den Pastis passten Produzenten die Kräuterzusammensetzung und den Alkoholgehalt so an, dass das Gesetz nicht griff. Im Val-de-Travers gingen die Produzenten jedoch einen anderen Weg: Sie brannten weiter – nun halt im Geheimen. Sie destillierten hinter versteckten Türen und füllten den Absinthe in neutrale Flaschen oder Behälter, mit falscher Beschriftung. Im Maison d’Absinthe in Môtiers sind zahlreiche solcher Absinthe-Verstecke ausgestellt.
Einige Beizen servierten Absinthe in Ovo-Bechern, damit man die trübe Flüssigkeit nicht sehen konnte. Bestellt wurde eine «Geissenmilch» oder man verwendete andere Codes und Namen für die Fée Verte. Produzenten versteckten Flaschen und Gläser hinter Brunnen, damit sich Wanderinnen und Wanderer mit einem Schluck Fée Verte erfrischen konnten. Die Prohibition hat ihre Spuren in der Kultur des Tals hinterlassen, doch nicht nur dort.
Mit dem Verbot änderten sich auch die Rezepte der Brennereien. Denn die Kräuter-Produktion der Region kam mit dem Absinthe-Verbot weitgehend zum Erliegen. Die Zutaten – neutraler Alkohol, Artemisia absinthium, Artemisia pontica, Ysop, Fenchelsamen, Melisse, Anis und weitere Kräuter – konnten jedoch weiterhin, legal und versteuert, in Apotheken oder Spezialgeschäften gekauft werden.

Die Behörden gingen mal mit weniger Elan, mal repressiver gegen die illegalen Brenner vor. Zwar dürfte der Alkoholverwaltung nicht entgangen sein, dass sie Unmengen von Neutralalkohol an Abnehmer im Val-de-Travers verkaufte, gleichwohl verhielten sich die Behörden bis 1960 weitgehend passiv.
Absinthe-Produzenten haben neue Gegner gefunden: sich selber
Absinth. Ist das nicht die giftig-grüne Spirituose aus Tschechien, die man anzünden muss und am besten gemeinsam mit britischen Sauf-Touristen shotweise kippt? Das «böhmische Absinthe-Ritual» kam in den 90er-Jahren auf und prägt das Bild, das viele rund um den Globus von Absinthe haben, noch heute. Tatsächlich war Absinthe nicht überall verboten. Weshalb sollte ein Land auch eine Spirituose verbieten, die sowieso nicht konsumiert wird und kein Problem darstellt?
Als in den 90er-Jahren darauf hindeutete, dass in den Ländern der Europäischen Union das Absinthe-Verbot fallen wird, wurden auch Schweizer Parlamentarierinnen und Parlamentarier aktiv. Per 1. März 2005 wurde das Absinthe-Verbot schliesslich aufgehoben. Das neue Zeitalter des Absinthe begann.

Das grosse Wermutkraut, Artemisia absinthium, das der Absinthe den Namen gab, stammte während der Prohibition hauptsächlich aus Spanien. Da es anders schmeckt als der Wermut aus dem Val-de-Travers, passten die Brennereien in dieser Zeit ihre Rezeptur an. Viele Brennereien, die heute legal Absinthe destillieren, verwenden heute weiterhin diese Rezepte. Seit dem Fall des Verbots sind zudem die neutralen Flaschen verschwunden, Absinthe wird heute vermarktet, wie jede andere Spirituose auch.
10‘500 Einwohnerinnen und Einwohner zählt das Val-de-Travers. Zwischen 35 und 40 Absinthe-Brennereien gibt es ungefähr. Konservativ gerechnet kommt eine Brennerei auf 300 Einwohner. Ich behaupte, dass es keine Region auf diesem Planeten gibt, die eine höhere Brennerei-Dichte aufweist. War das Brennen und Trinken von Absinthe während der Prohibition ein Akt des Widerstands, ringen die Produzenten des Tals nun darüber, für was Absinthe heute stehen soll.
Klar distanzieren sie sich von jenen Produzenten aus dem Ausland (und teilweise aus dem Inland), deren mit künstlichen Farben, Zucker und Aromazusätzen versetzten Produkte die Geschichte und Tradition des «echten» Absinthes zu entweihen scheinen. Dies ist jedoch der kleinste gemeinsame Nenner.

Im Jahr 2006 nahmen die Produzenten einen Anlauf, um Absinthe mit einer AOP zu schützen. Nur Absinthe, der im Val-de-Travers hergestellt wird, hätte den Namen «Absinthe» tragen dürfen. Kein Wunder gingen beim Bundesamt für Landwirtschaft 42 Einsprachen aus dem In- und Ausland gegen das Vorhaben ein. Aufgegeben wurde das Projekt nicht zuletzt deshalb, weil bei einer AOP grundsätzlich alle Produkte aus dem Produktionsgebiet stammen müssen. Zu diesem Zeitpunkt gab es in der Schweiz noch keine Ethanol-Produktion – die Absinthe-Produzenten hätten sich folglich selbst abgeschafft.
Gegen die AOP gingen nicht zuletzt jene Schweizer Brennereien auf die Barrikaden, die während der Prohibition ebenfalls illegaler Absinthe produziert hatten oder seit dem Ende des Verbots die Produktion aufgenommen hatten. Dazu gehört etwa die Brennerei Morand im Wallis oder Matter-Spirits aus Kallnach im Berner Seeland. Letzterer hat etwa mit der Edition HR-Gyger und der Kooperation mit dem umstrittenen Musiker Marilyn Manson von sich zu reden gemacht und konnte insbesondere auf dem amerikanischen Markt Erfolge verzeichnen.
Im Jahr 2016 hat die Vereinigung der Absinthe-Produzenten einen neuen Anlauf gestartet – nun für den Schutz der Bezeichnung «Absinthe du Val-de-Travers». Vor etwas über einem Jahr konnten sich die Produzenten endlich auf ein Pflichtenheft einigen, wenn auch Claude Alain Bugnon, der mit der Distillerie Artemisia zu den grössten Produzenten gehört, sich bis zuletzt gegen die Bestimmungen stemmte und aus Frust die Produzenten-Vereinigung verliess. Aktuell ist das Gesuch für die IGP beim Bundesamt für Landwirtschaft hängig.
Während die Details des Pflichtenhefts nicht öffentlich bekannt sind, deutet doch vieles darauf hin, dass sich die Gruppe der kleinen Absinthe-Produzenten rund um Christophe Racine am Ende mehrheitlich durchsetzen konnten. Sie wollten ihre Rezepte der Prohibition mit ausländischem Wermutkraut weiterhin mit der Herkunftsbezeichnung «Val-de-Travers» verkaufen. Dagegen wehrten sich über Jahre die grösseren Brennereien, die mit der strengeren Bestimmung den Kräuter-Anbau im Tal wieder fördern wollten. Die kleinen Brennereien hatten von den Fehlern der Kollegen in Pontarlier ennet der Grenze gelernt. Die Stadt beherbergte einst die Pernod-Distillerie, die vor dem Absinthe-Verbot – und vor dem Grossbrand einige Jahre zuvor – zu den grössten Produzenten gehörte. Heute gibt es eine IGP Absinthe de Pontarlier, doch nur die Distillerie Guy, die grösste Brennerei der Region, erfüllt die Kriterien für die Herstellung. Die anderen, kleinen Produzenten dürfen die Herkunftsangabe nun nicht mehr auf ihren Produkten verwenden. Dies wollten die kleinen Absinthe-Produzenten aus dem Val-de-Travers zwingend verhindern.
20 Jahre nach der Prohibition
In den letzten zwanzig Jahren sind durchaus überzeugende Orte entstanden, welche die Absinthe-Kultur einem breiteren Publikum zugänglich machen. Im Val-de-Travers ist es das Absinthe Museum «Maison de l’Absinthe», das ich erstmals mit meinem Grossvater – er hatte immer eine Flasche Absinthe bei sich zuhause – besucht hatte. Auch der Absinthe-Shop von Christophe Racine direkt nebenan ist ein Besuch wert. Racine hat zudem den Webshop «Absinthe Market» ins Leben gerufen, bei dem viele – einige namhafte Marken fehlen aus politischen gründen – Absinthes erhältlich sind.

In Solothurn hat Roger Liggenstorfer gemeinsam mit weiteren Leuten die Absinthe-Bar «die Grüne Fee» gegründet. In Liggenstorfer Nachtschatten-Verlag ist zudem das Buch «Absinthe – Die Wiederkehr der Grünen Fee» erschienen. Nennenswert ist auch das Musik-Festival «Hors Tribu» in Môtiers, das jeweils über eine fantastische Absinthe-Bar mit einer grossen Auswahl verfügt. Im Jahr 2016 hat der Berner Lars Urfer die Matte Brennerei eröffnet und von Beginn weg auch Absinthe produziert. Vier Jahre zuvor hat Nicolas Nyfeler aus dem Val-de-Ruz mit der Brennerei «Larusée» neue Impulse gesetzt.
Zu den neusten Projekten gehört die Distillerie Stillerie aus Fleurier, ganz hinten im Val-de-Travers. Mit dem Trio Céline Passard, David Denier und Julien Grünhagel hat im Jahr 2023 eine neue Generation von Absinthe-Produzenten übernommen. Auch Romain Wanner, der kürzlich die Brennerei seines Vaters übernommen hat, zählt zu den neuen Gesichtern in der Absinthe-Welt.
Dass am Samstag, 1. März 2025, ein rundes Jubiläum ansteht, haben die meisten Brennereien vergessen – oder es ist ihnen egal. Von Events, Tastings oder Spezialabfüllungen keine Spur. Einige Stimmen wünschen sich gar die Prohibition zurück. Den einzigen Hinweis auf das Jubiläum habe ich in einem Post der Distillerie Stillerie gesehen.
Auch die Medien werden wohl nichts über das Jubiläum schreiben. Gerne hätte ich eine Version dieses Texts irgendwo publiziert – aber in den Redaktionen fehlte das Interesse oder das Geld. Nun bleibt mir halt nichts anderes übrig als am Samstag alleine auf das Ende der Prohibition vor zwanzig Jahren anzustossen…
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